Die unfasslichen Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen

Rezension aus der Anduin Nr.84
(August 2003)


Für den einen ein unsagbarer Graus, für den anderen lustige Kurzweil und Unterhaltung, das sind die Anekdoten des Freiherrn von Münchhausen, der auf einer Kanonenkugel ritt, sein Pferd bei Schnee an einer Kirchturmspitze festband und allerlei andere Geschichten zum Besten brachte, bei denen man nie genau wusste, wie nah man an der Wahrheit und wie fern man der Phantasterei war.
Und nun, werter Leser und werte Leserin, wird es Euch erfreuen zu hören, dass es ein Erzählspiel gibt, das ganz auf den Spuren jenes von Münchhausen wandelt.
Knapp 60 Seiten dick ist das Werk, das man mir vorlegte und, man höre und staune, von prominenter Feder selbst ist es geschrieben. Aber mehr will ich dazu nicht verraten. Um jenes Spiel nun zu spielen, benötigt man neben einer geselligen Runde und ein paar Münzen oder Kronkorken, nichts anderes als Phantasie, Muße und vielleicht den ein oder anderen Schoppen Wein, Bier oder was auch sonst trockene Kehlen zu ölen gereicht.
Und so soll es auch schon losgehen. Wir legen eine Reihenfolge fest, wie sich z.B. ein Kreisrund anbietet. Nun bittet der Erste seinen Nebenmann um eine Geschichte, die dieser doch erlebt hat vor langer oder kurzer Zeit. So soll er, um ein Beispiel zu geben, doch bitte erzählen, wie er es schaffte, die Schwerter der französischen Armee zu Pflugscharen zu machen, ohne dass diese es bemerkten oder wie er die schwedischen Kronjuwelen gefunden hat, obwohl sie doch im inneren einer Kuh steckten. Und so muss der Aufgeforderte beginnen zu erzählen, mindestens drei Minuten aber höchstens fünf Minuten, um auf diese Frage hin seine Geschichte zum Besten geben, doch wehe er zögert zu lange.
Nun steht es den Zuhörern, also den Mitspielern, natürlich frei, Fragen zu stellen. Dazu müssen sie eine Münze in die Mitte schieben und dürfen ihre Frage stellen. So kann sich das dann anhören, dass - der Erzähler beschreibt gerade, wie er auf den Koloss von Rhodos kletterte um von dort das Adlerei des Zeus zu bergen - der Fragende seine Münze in die Mitte des Tisches schiebt und fragt: "Ach, werter Freund, aber der Koloss von Rhodos schwamm doch in der großen Flut 1795 ins Mittelmeer davon. Wie könnt ihr ihn also bestiegen haben?" So muss der Erzähler entweder seine Geschichte ändern und darf den Taler behalten, oder er muss selber eine Münze zahlen. So und auf andere Art und Weise soll es möglich sein, die Geschichten der Anderen zu beeinflussen.
Sollte es am Tische bei diesem Erzählspiel zu Bösartigkeiten oder Ehrentändeln kommen, so steht den Spielern das Duell offen, um dies aus der Welt zu räumen. Angeboten sind drei Arten des Duells, wobei nur letztes von Feiglingen gewählt wird, die ihr Leben höher schätzen als ihre Ehre.
Das Spiel als solches ist für alle, die ein großes Mundwerk haben und gerne und schnell kreative Geschichten erzählen, die Offenbarung. Leider sind all jene, die nicht so schnell fabulieren können, deutlich im Nachteil. Das ist das einzige wirkliche Manko an diesem Spiel denn, wie sich bei den Testspielen gezeigt hat, ist, wer gut reden, erfinden und schmarren kann, einem etwas stilleren Mitspieler um Längen überlegen. Doch auch wer nicht so gerne erzählt wird seine helle Freude haben, "störende Fragen" zu stellen und somit Zeuge zu werden, wie sich der Erzähler in seinem haarsträubenden Abenteuer immer weiter verstrickt und bei jedem Satz darum ringt, ja weder den Faden zu verlieren noch sonst irgendwie zu Fall gebracht zu werden. Mir hat das Spiel sehr viel Spaß gemacht, allerdings gab es auch andere Stimmen, die nicht so grenzenlos begeistert waren. Deswegen gibt es auch nur vier von fünf Punkten auf Spielspaß.
Im Buch finden sich alle Regeln, Anregungen und etwa 200 "Abenteuer-Erzählideen", also alles, was ein Spiel braucht. Darüber hinaus ist das Werk sehr nett und unterhaltsam geschrieben und seine 6,50 € vollstens wert.

Fazit:
Die unfasslichen Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen ist ein kreatives Spiel für eine Gruppe von zwei bis unendlich vielen Spielern (fünf bis sieben Spieler waren bei unseren Runden immer das Optimum), das vor Kreativität nur so sprüht und jedes Mal eine echte Herausforderung an Spieler und auch Zuhörer ist.

Christoph Maser